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Der Wecker des Grauens
Mein Nachbar hat einen Wecker. Klar, wer hat keinen Wecker, aber der meines Nachbarn ist sehr, sehr laut. Es ist so ein billiger Wecker mit nur wenigen Funktionen. Wecken von Montag bis Freitag ohne die Wochenenden gehört so wenig dazu wie nur eine Minute läuten und dann auf Musik umspringen. Nicht, dass ich nun mit meinem Wecker angeben will, aber der kann sowas - dabei ist er nun schon zwanzig Jahre alt.
Der Wecker meines Nachbarn klingt wie eine Alarmanlage am Auto. Damit hat ihn jedenfalls eine Nachbarin verglichen, als wir uns heute über dieses Gerät unterhielten. Der Grund? Nun ja, mein Nachbar ist seit Donnerstag im Urlaub und der Wecker aktiv. Mein Nachbar hat auch die Fenster offengelassen. So haben wir alle an seinem Wecker teil, jeden morgen um sechs, eine Stunde lang.
Eine andere Nachbarin ist gestern früh, wie wir alle, davon aufgewacht. Ich habe Glück, wohne nicht direkt über ihm, nur schräg, da reichte es, das Fenster zu schließen um weiterschlafen zu können, aber diese Nachbarin hat ihr Schlafzimmer genau über seinem. Sie war, wer wills ihr verdenken, sehr wütend. Also ging sie nach unten, hat an die Tür gehämmert, aber das hat nichts genutzt, er ist ja im Urlaub. Sie hat die Polizei gerufen. Die wollten nicht kommen. Sie hat gesagt, sie sollen sein Handy orten (warum auch immer), das haben sie natürlich nicht gemacht. Auch als sie ein zweites Mal, noch wütender angerufen hat, ließen die Ordnungshüter sich nicht umstimmen. Man sagte ihr nur, sie solle warten, bis sich das Problem von alleine löst. Dann, plötzlich, war es still. "Hören Sie?", sagte meine Nachbarin zu dem Polizisten am Telefon. "Hören Sie?"
Der Polizist sagte: "Ich höre nichts."
"Ja!", sagte sie. "Es hat aufgehört! Endlich hat es aufgehört!"
Gestern Abend erzählte sie mir diese Geschichte, als wir uns, bei der Nachbarin unter mir, zur Krisensitzung wegen der Mieterhöhung trafen, die zu allem Überfluss auch noch am Donnerstag ins Haus geflattert ist. Diese Nachbarin unter mir hat einen Schlüssel zu besagter Wohnung. Den benutzt sie jedoch, natürlich, nur mit ausdrücklicher Erlaubnis. Die einzuholen war jedoch nicht möglich, da mein verreister Nachbar das Handy ausgeschaltet hatte.
Man beriet sich also. Jedem war klar, dass der Wecker auch heute früh wieder klingeln musste. Plan A meiner Nachbarin war: Trotzdem reingehen.
Schlüsselhabnachbarin verweigerte zurecht die Herausgabe. Plan B: Polizei anrufen. Ich warnte, dass das so wenig Erfolg haben würde wie tags zuvor.
"Wenns brennen würde oder so dann kann ich da schon aufmachen...", sagte die Schlüsselhabnachbarin.
"Das lässt sich einrichten", sagte ich. Irgendwie unterstellte man mir plötzlich 'ganz seltsame Dinge, die da (in mir) zum Vorschein kommen'. Dabei denke ich nur lösungsorientiert.
Man einigte sich schließlich auf weitere Anrufe, bis der Verreiste zurückrufen würde.
Das geschah vor etwa einer Stunde. Natürlich dürften wir rein, den Wecker auszumachen und so weiter. Schuldgefühle? Negativ.
'Ich glaube, der ist erst gerade aufgestanden. So hat er sich jedenfalls angehört', sagte Schlüsselhabnachbarin.
Ich darfs niemandem sagen aber euch schreib ichs: Sein Bügeleisen hatte er auch vergessen auszustecken. Die Betriebsleuchte war an. Da haben wir noch mal richtig Glück gehabt...