EM Jungmann

Zurück aus der Zukunft oder wo geht es hin?

 
Zwei informative und sehr schöne Tage auf der Zukunftskonferenz des Forums Zukunft im Börsenverein des Deutschen Buchhandels liegen hinter mir. Anlässlich der 55 Thesen zum Buchmarkt 2025, die Matthias Ulmer, Heinrich Riethmüller und Matthias Heinrich im Juni dieses Jahres formuliert haben, machte man sich Gedanken, wie die Zukunft der Buchbranche bis 2025 aussehen könnte. Was mich als Schriftstellerin natürlich am meisten interessiert, ist die Frage, welche Möglichkeiten sich für uns Autoren ergeben. Wie werden Autor und Publikum zueinander finden, welche Rolle spielen Verlage und Buchhandlungen dabei, welche das Internet, welche das Medium, auf dem meine Werke angeboten werden … Die Liste ist lang.
 
Unter den Autoren in meinem Bekanntenkreis herrscht zwar keine Goldgräberstimmung, aber wir nehmen wahr, dass uns die schnellen, relativ unkomplizierten Möglichkeiten des Self-Publishing, speziell im rein elektronischen Bereich, ganz neue Perspektiven eröffnen. Neben der Publizierung unserer Werke bei Verlagen bieten uns die Print on Demand-Dienstleister bereits heute Plattformen, um ein »fertiges« Buch auf den Markt zu bringen. Wie aufwendig es ist, ein Buch wirklich fertig zu bekommen und wie viel man dabei falsch machen kann, wäre einen eigenen Blogbeitrag wert und soll hier auch nicht näher beleuchtet werden. Ich will damit lediglich sagen, dass es im Vergleich zu 1996, also vor 15 Jahren, kein Problem mehr ist, ein Buch auf den (weltweiten) Markt zu werfen. Stellt sich die Frage, wie sich diese Tatsache in den nächsten 15 Jahren auf die Verlagssuche (im Bereich Belletristik) auswirken kann. Wird die Qualität des Dargebotenen sich insgesamt verschlechtern? Wird man in einer Flut an Werken ertrinken und die Perlen nicht finden können? Was geschieht mit der Sprache? Wird sie abflachen, Literatur zum Nischenprodukt werden?
 
Zugrunde liegt den folgenden Ausführungen eine Gesellschaft, in der das E-Book eine Selbstverständlichkeit geworden ist und der Hunger nach Unterhaltungsliteratur nach wie vor besteht. Der Autor, der für meine Annahmen herhalten muss, ist ein talentierter Schriftsteller, der aber aufgrund von Umständen, die nicht in der Qualität seines Werkes liegen, keinen Verlag findet. Ziel des Autors ist neben einer Online-Ausgabe auch eine sich selbst tragende Druckausgabe anbieten zu können.

 
Szenario
 
 
Der Autor im Jahr 2025 arbeitet nicht mehr länger nur in seinem stillen Kämmerlein. Um aus der breiten Masse der Online-Veröffentlichungen aufzutauchen, tritt er mit seiner Zielgruppe in Kontakt und versucht, ihr sein Produkt schmackhaft machen. Dabei ist es natürlich Grundvoraussetzung, dass es sich um ein einwandfreies Produkt handelt. Wie bereits jetzt schon im Self-Publishing unverzichtbar, muss der Autor dafür sorgen, dass nicht nur die Aufmachung, sondern auch der Inhalt seines Werkes allen Qualitätsmaßstäben standhalten kann. Schlampert er da, so setzt er sich der Gefahr aus, dass die Netzgemeinde ihm das übel nimmt - und auch darüber schreibt.
 
Der Autor muss also (zunächst) all die Aufgaben erledigen, die sonst der Verlag für ihn bewältigt, Marketing inklusive. Da aber Marketing nicht so funktioniert, dass man in den Bereich einer Zielgruppe reinpoltert (z.B. ein Forum, in dem sie sich bewegt) und mal eben sein Buch vorstellt, sondern eine Annäherung auf persönlicher Ebene unverzichtbar ist, um ein Grundinteresse der potenziellen Leserschaft zu erregen, kostet ihn das weitere Zeit. Er benötigt soziale Kompetenz. Er muss bereit sein, sich als Person einzubringen, damit er sich als Marke aufbauen kann.
 
Nach einer Weile hat unser Autor in der Community Fuß gefasst und konnte sein Werk schließlich irgendwann vorstellen. Jetzt muss er Leser finden, deren Meinung etwas gilt. Er braucht sie, damit sie von seinem Buch berichten. Rezensionen alleine reichen da kaum. Er muss das Werk »in aller Munde« bringen. Damit unser armer Autor nicht (neben seinem Hauptberuf, denn leben kann er momentan von seinem Werk noch lange nicht) sechs Stunden täglich im Netz verbringen muss, kann er die Hilfe eines Dienstleisters in Anspruch nehmen. Dieser bietet ihm eine professionelle Bewerbung seines Produkts. Ich stelle mir vor, dass dieser Dienstleister prozentual am Umsatz beteiligt wird, damit das Ganze finanzierbar bleibt. Erste ernst zu nehmende Umsatzzahlen bahnen sich an.
 
Nach langer, harter Arbeit hat unser Autor es nun geschafft, sein Werk so zu platzieren, dass es in den Beststellerlisten seines/ seiner Onlineanbieter dauerhaft auf den vorderen Rängen zu finden ist. Er erhält über seine Webpage einige Anfragen, ob das Buch auch als gedruckte Ausgabe zu bekommen sei. Das spornt unseren Autor an. Mit dem kleinen Kapitalstock, den er sich inzwischen aufgebaut hat, finanziert er den Druck einer überschaubaren Auflage. Mit diesen Büchern unterm Arm begibt er sich nun auch zu den regional ansässigen Buchhändlern (damit ihn die Fahrtkosten nicht auffressen).
 
Die Annahmen der Zukunftskonferenz haben ergeben, dass auch der stationäre Buchhandel 2025 ziemlich zu kämpfen haben wird. Darum wird es Buchhändler geben, die bereit sind, ein Event mit dem Autor zu veranstalten. Dieses beschränkt sich aber nicht darauf, dass der Autor vorliest und dann wieder nach Hause geht. Er wird sich in anschließende Diskussionen begeben bzw. mit den Besuchern seiner Lesung ein wenig zusammenstehen und vielleicht ein Glas Sekt mit ihnen trinken. Was er zuvor im Netz getan hat – dieses Zulassen der persönlichen Annäherung -, wiederholt er nun im »echten Leben«. Je mehr Zeit er sich für solche Veranstaltungen nimmt, desto merklicher wird sich dies in seinen Verkaufszahlen niederschlagen.
 
Mittlerweile haben auch ein oder zwei Verlage, welche die Topseller-Listen der Online-Distributoren regelmäßig beobachten und nach Bestsellern oder Novitäten durchforsten, von unserem Autor Kenntnis genommen. Sie prüfen das Werk und finden Gefallen daran. Nun treten sie mit dem Autor in Verbindung. Sollte er dann daran interessiert sein, sein Werk über einen Verlag zu vermarkten, werden entsprechende Verträge ausgehandelt.
 
Fazit
 
Im Grunde ist dieses Szenario die konsequente Fortführung dessen, was sich momentan bereits am Bücherhimmel abzeichnet. Zumindest im Bereich Belletristik gibt es eine Unzahl an Autoren, und nicht alle haben das Glück, einen Verlag zu finden, auch wenn ihr Werk den inhaltlichen Qualitätsansprüchen durchaus entspricht. Es liegt schon jetzt an ihnen selbst, wie viel Energie sie in die Publizierung ihres Buches zu stecken bereit sind – und nicht zuletzt, wie viel Geld. Wenigstens ein professionelles Lektorat sollte erfolgen, wenn es finanziell irgend machbar ist. Aber sie müssen sich auch als Marke aufbauen, sich Bekanntheit verschaffen,  vernetzen, ihre Community pflegen. Wer ernsthaft beabsichtigt vom Schreiben zu leben, muss wissen, dass ihn der Weg dahin viel, viel (Frei-)zeit kosten wird. Der angenehme Aspekt aber ist, dass er so auch viele großartige Menschen kennenlernt.
 
Zugegeben ist der hier skizzierte Ablauf eine sehr positive Annahme. Die beschriebenen Anstrengungen können auch schlicht zu nichts führen. Es gehört immer eine gehörige Portion Glück dazu, der richtige Riecher für ein Thema und selbstverständlich ein sehr hoher Qualitätsanspruch an sich selbst. Was schlecht ist, wird sofort erkannt und schnelles Geld ist auch nicht zu verdienen. Es wird Filter geben, die schlechten Content aussieben. Diese bestehen in der Leserschaft selbst, indem sie nicht alles kauft, was man ihr serviert. Leseproben lassen bereits jetzt einen Rückschluss darauf zu, ob ein Autor schreiben kann oder nicht. Und sollte eine Geschichte zwar gut geschrieben, aber inhaltlich mau sein, wird dies in den Rezensionen und bald in den Rankings und somit auch in den Empfehlungen der Online-Anbieter sichtbar. Natürlich können die Empfehlungen auch gekauft werden, aber dieses Geld muss erst mal da sein.
 
Auch die Sprache wird nicht leiden. Wer literarisch Hochwertiges sucht, wird es finden. Es wird weiterhin Literaturpreise geben und Leser, die nach mehr als schnellen, einfachen Sätzen verlangen. Und es wird weiter gedruckte Bücher geben. Wahrscheinlich nicht mehr im selben Maß wie heute, aber was spricht dagegen, nicht jeden Unterhaltungsroman, den man mal gelesen hat, jahrzehntelang unbeachtet im Regal einstauben zu lassen, wenn man ihn doch über die Bibliothek in seinem Reader jederzeit im Zugriff hat?
 
Der Belletristik-Autor wird auch 2025 ein hart arbeitender Mensch sein. Er wird allerdings, sofern er den Durchbruch nicht schafft und dennoch Geld mit seiner Arbeit verdienen will, sehr viel mehr als nur schreiben können müssen. Nur wenige werden so gut vom Markt angenommen werden, dass ein Verlag die Kosten für ein rundum-sorglos-Marketing übernimmt. Doch mit den schon jetzt bestehenden Mitteln tun sich ihm zumindest Möglichkeiten auf, die noch 1996 kaum vorstellbar waren.
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